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null Praxis medizinische Grundversorgung für Wohnungslose

Die ambulante medizinische Versorgung in Deutschland ist gut! Fast 100 Prozent – 99,8 Prozent um genau zu sein - der Bürger müssen weniger als 10 km fahren, um den nächsten Hausarzt zu erreichen. Bestätigt hat das die Kassenärztliche Bundesvereinigung aktuell in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion im Februar 2018. Auch im Saarland ist das so. Aber wie sieht es aus, wenn jemand seine Wohnung verloren hat und auf der Straße lebt? Wenn Hürden überwunden werden müssen, um medizinische Versorgung zu bekommen? Wer keine Wohnung mehr hat, verliert meist auch den Kontakt zu seinem Hausarzt.

Diese Menschen gehen gar nicht mehr oder nicht rechtzeitig zum Arzt. Das hat unterschiedliche Gründe. Teilweise fehlt ihnen die nötige Krankheitseinsicht, häufig können sie aber auch ihren Krankenversichertenstatus nicht nachweisen oder trauen sich nicht mehr zum Arzt, weil sie sich als „nicht gerne gesehenes Klientel“ fühlen. Sie schämen sich, haben Angst ein Wartezimmer zu betreten.

Diese Situation war lange Jahre so und ebenso lange nicht allgemein bekannt. Das hat sich mittlerweile geändert. Daran hat die  „Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose“ in Saarbrücken einen erheblichen Anteil. In diesem Jahr kann sie auf eine 20jährige Tätigkeit zurückblicken.

 

Ein Grund für Bilanz und Ausblick!

 

Fachberatungsstelle: niedrigschwellige medizinische Sprechstunde wird eingerichtet

Die ersten Schritte zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Wohnungslosen wurden 1998 gemacht: Einmal pro Woche wurde eine niedrigschwellige medizinische Sprechstunde für Wohnungslose angeboten - begleitet von einem Sozialarbeiter, der z.B. Versicherungsverhältnisse klärte. Mit einer dreijährigen Förderung des damaligen Ministeriums für Justiz, Gesundheit und Soziales von 2003 – 2006 konnte das Angebot erweitert werden. Bei „Hausbesuchen“ suchten Sozialarbeiter und Arzt Patienten nun auch auf der Straße oder anderen Unterkünften auf. So konnte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und die Kontaktaufnahme verfestigt werden. Doch als private Einrichtung musste die Praxis, die vom Diakonischen Werk betrieben wurde, viele Hürden überwinden, zum Beispiel bei der Verordnung von Medikamenten ohne Kassenrezept oder wenn Einweisungen in ein Krankenhaus veranlasst werden musste.

 

„Praxis Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose“

2005 entstand bei einer Fortbildungsveranstaltung, bei der ein Arzt über seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Praxis berichtet, der Kontakt zur Kassenärztlichen Vereinigung. Schnell wurde klar, dass eine Vertragsarztpraxis bürokratische Hürden beseitigen könnte. Aber welcher Arzt würde so eine Praxis eröffnen?! Nach mehreren Gesprächen – auch mit Vertretern der saarländischen Krankenkassen – wurde grünes Licht gegeben für die Einrichtung einer eigenen KV-Praxis, die am 01.07.2006 ihre Arbeit aufnehmen konnte. Angesiedelt zunächst in der Evangelisch-Kirch-Straße, seit 2010 in der Johannisstraße im Haus der Diakonie, versorgt sie mittlerweile 130 Patienten pro Quartal. Jeden Mittwoch ab 09.00 Uhr stehen mittlerweile parallel drei ehrenamtlich tätige Ärzte für die Patienten zur Verfügung. Insgesamt sind 8 Ärztinnen und Ärzte inzwischen in der Praxis tätig, die sich mit ihren Diensten abwechseln.

 

„Die dritte Welt ist ein Stück weit auch zu uns gekommen“

Eine von ihnen ist San.-Rätin Dr. Petra Ullmann. 2015 hat sie ihre berufliche Tätigkeit als Klinikärztin beendet und engagiert sich seitdem für wohnungslose Menschen. Stellvertretend für ihre ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen der Praxis erklärt sie, warum ihr das ein persönliches Anliegen ist:

 

Was treibt Sie an, sich für Menschen, die auf der Straße leben, einzusetzen?

Mein Leitgedanke ist Sinnvolles tun. Ich wollte nach meinem Erwerbsleben meine Kenntnisse und Erfahrungen weiter einbringen – aber ohne kommerzielle Zwänge. Ursprünglich wollte ich das möglichst in der Dritten Welt machen, aber das ist mit meiner aktuellen Lebenssituation nicht vereinbar. Deshalb bin ich hier geblieben und habe feststellen müssen, dass diese ein Stück weit zu uns gekommen ist!

Es gibt in unserem Sozialsystem und im Gesundheitssystem eine ganze Menge Verlierer, die dringend medizinischer Hilfe bedürfen, diese aber nicht so ohne Weiteres bekommen.

 

Wie sieht die Arbeit in der Praxis aus?

Im Rahmen der medizinischen Grundversorgung Wohnungsloser der Diakonie wird einmal in der Woche Sprechstunde abgehalten. Eine ganze Reihe berenteter Kollegen der verschiedensten Fachrichtungen arbeiten hier, meist zu dritt  und nach Absprache und in sehr kollegialer und vertrauensvoller Weise zusammen. In der Sprechstunde begleitet werden wir von einer Medizinischen Fachangestellten und einem Sozialarbeiter, der sich zum Beispiel um den Versicherungsstatus und eventuelle Unterbringungsmöglichkeiten für die Wohnungslosen kümmert.

Unsere eigentliche Arbeit findet in den beiden Behandlungsräumen statt. Manchmal ist es etwas eng,  nicht selten sind 5-6 Menschen im Raum - 2-3 Mitarbeiter, Patient und Angehörige, häufig auch ein Dolmetscher. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen und Suchen nach Informationen und Materialien. Man kann das nicht mit der Arbeit in einer „normalen Praxis“ vergleichen. Ein konzentriertes, rasches Arbeiten ist hier nicht die Regel. Dazu kommen nun doch noch bürokratische Dinge, denn bei den meisten Patienten müssen  überhaupt erstmal die Grund-Daten erhoben werden.

 

Mit welchen Problemen kämpfen wohnungslose Menschen?

Die Patienten kommen aus vielfältigen Gründen zu uns. In der Regel sind es aber die Probleme,  die in jeder Hausarztpraxis vorkommen. Eine Anzahl von Patienten ist bekannt und wird durch uns behandelt. Der überwiegende Teil ist aber erstmal abklärungsbedürftig.

Wir haben durchaus in unserem kleinen Rahmen für die Erstdiagnosen eine ausreichende Ausstattung, aber aufwendigere Diagnostik, oder Therapien übersteigen unsere Möglichkeiten und wir müssen versuchen, für unsere Patienten eine Weiterbehandlung zu organisieren. Bei krankenversicherten Patienten ist das kein Problem, schwieriger aber, wenn kein Krankenversicherungsschutz besteht.

Es gibt zum Glück eine erkleckliche Anzahl niedergelassener Kollegen, die bereit sind, auch unsere Patienten unentgeltlich zu behandeln.

 

„Geduld, Zeit und Einfühlungsvermögen gefragt“

Von Anfang an dabei war Martin Kunz, Sozialarbeiter im Haus der Diakonie Saarbrücken in Trägerschaft der Diakonie Saar. Er kennt alle dort tätigen Ärzte, aber auch alle Patienten. Und weiß, was für die Arbeit in der Praxis und bei Behandlungen „Auf der Straße“ wichtig ist. Seit Mai 2018 hat Oliver John diese Aufgaben übernommen.

 

Was sind die Anforderungen an die ehrenamtlich tätigen Ärzte und Sozialarbeiter?

Unsere ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzte brauchen vor allem Geduld und Einfühlungsvermögen. Und Zeit. Denn insbesondere der Kontakt mit neuen Patienten beginnt oft sehr vorsichtig. Wir behandeln hier alle Menschen mit Respekt. Die meisten sind das gar nicht mehr gewöhnt, weil ihnen aufgrund ihres Aussehens oder ihres Geruchs häufig Verachtung entgegen schlägt.

Schwierig für die Ärzte ist häufig die fehlende Kontinuität der Behandlung. Es ist ja nicht allein mit der Diagnosestellung getan. Unser Ziel ist zwar zunächst die Akutversorgung, ein Verband ist schnell gemacht, sondern auch die eventuelle weiterführende Behandlung und Nachsorge. Manch ein Patient ist so schwer erkrankt, dass er ins Krankenhaus eingewiesen werden muss, manchmal erscheint er dann danach aber nicht mehr zur Nachsorge. Vielen fehlt auch bei schweren Erkrankungen die Krankheitseinsicht.

Für uns alle ist es deshalb immer ein Erfolg, wenn Patienten die Behandlung bis zur Heilung durchführen lassen.

 

Wie oft gelingt es Ihnen, Wohnungslose wieder in die Normalität des etablierten Gesundheitssystems zurückzuführen?

Der Anteil an Nichtversicherten ist relativ gering. Allerdings müssen wir häufig beim ersten Kontakt Versicherungsverhältnisse klären und aktualisieren. Das ausdrückliche Ziel der Praxis ist ja auch die Weiterleitung an das Regelsystem, was uns in vielen Fällen auch gelingt.

 

Welches sind die häufigsten Erkrankungen?

Insbesondere in den Wintermonaten müssen häufig Atemwegserkrankungen behandelt werden – auch Tuberkulose und chronische Bronchitis. Hauterkrankungen und Parasitenbefall gehören „zum Tagesgeschäft“, ebenso wie Verletzungen, Folgen von Alkoholmissbrauch, Erkrankungen am Skelettsystem, wie z.B. Arthrose. Aber wir verzeichnen auch eine steigende Zahl an psychosomatischen Erkrankungen

 

KV Saarland zieht eine positive Bilanz

Auch San.-Rat Dr. Hauptmann, Vorsitzender des Vorstandes, war und ist die Praxis Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose ein Anliegen: „Ich bin froh, dass wir uns damals im Jahr 2006 dazu entschieden haben, als KV diese Einrichtung zu betreiben. Und ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, allen Beteiligten – insbesondere aber unseren ehrenamtlich tätigen Kolleginnen und Kollegen herzlich für Ihr Engagement zu danken. Denn ohne die Ärzte ginge es nicht.“

 

 

Die „Praxis Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose“ wurde bereits mehrfach für Ihr Engagement geehrt:

  • Februar 2012: Nominierung in der Kategorie „Verein/Gruppe“ bei der SZ-Aktion „Saarlands Beste“
  • November 2012: Bürgermedaille für besonderes ehrenamtliches Engagement und Verdienste um die Allgemeinheit
  • August 2013: Ehrenamtspreis der evangelischen Kirche

 

 

Um die Versorgung der Patienten kümmern sich aktuell:

 

Dr. Udo Bohr

Dr. Marita Garth

Dr. Dieter Greverus

Dr.med. Gisela Henner

Dr. Monika Kegel

Dr. Karin Lauterwasser

Dr. Rosemarie-Helene Masson

Dr. Petra Ullmann

Stefanie Hewener

Oliver John

 

 

Ansprechpartner beim Diakonischen Werk:
Oliver Sandau
Diakonisches Zentrum SB - Medizinische Grundversorgung für Wohnungslose
Aufsuchende Soziale Arbeit
Johannisstraße 4
66111 Saarbrücken
Telefon: 0681 3898-322
Fax: 0681 3898-313
Oliver-Sandau@dwsaar.de
Internet: www.dwsaar.de

 

 

Stand: Oktober 2018

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