Hausarzt: Prof. Dr. med. Johannes Jäger - Hausarzt: Prof. Dr. med. Johannes Jäger

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"Ich glaube, ich kann meine Studenten für eine Tätigkeit in der Praxis begeistern"

 

2014 hat die Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes ein Zentrum für Allgemeinmedizin eingerichtet.  Hierzu wurde damals ein Kooperationsvertrag zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland – als Vertretung der niedergelassenen Ärzte - und der Universität des Saarlandes abgeschlossen. Am 26.08.2014 wurde das Zentrum offiziell eröffnet und die Ernennungsurkunde an Herrn Prof. Johannes Jäger überreicht, der die Leitung übernommen hat.

Durch den Kooperationsvertrag wird das Zentrum für Allgemeinmedizin über insgesamt 10 Jahre von der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland mit 750.000 € unterstützt. Ziel dieser Kooperation ist es, durch die Verstärkung der Allgemeinmedizin an der Universität des Saarlandes  junge Studierende für dieses Fach zu begeistern und damit die zukünftige hausärztliche Versorgung im Saarland zu sichern.

Zusätzlich soll das Zentrum für Allgemeinmedizin Strukturen etablieren, um Versorgungsforschung im Saarland zu betreiben. Netzwerke der niedergelassenen Hausärzte und unterschiedliche Lehrstühle der Fakultät sollen zusammenarbeiten, um insbesondere die Ursachen von Volkskrankheiten im Saarland sowie deren Behandlung zu untersuchen und zu verbessern.

 

Prof. Dr. med. Johannes Jäger, Leiter des Zentrums für Allgemeinmedizin

Prof. Dr. med. Johannes Jäger, Leiter des Zentrums für Allgemeinmedizin

 

Im Interview berichtet Prof. Johannes Jäger im Juli 2016 über die beiden Jahre seit der offiziellen Eröffnung:

Frage: Vor zwei Jahren wurde das Zentrum für Allgemeinmedizin offiziell eröffnet. Was hat sich seitdem alles getan?

Getan hat sich ganz schön viel. Wir haben mittlerweile ein Sekretariat, was ich 14 Jahre lang nicht hatte. Dadurch ist immer ein Ansprechpartner für die Studenten da. Das finde ich enorm wichtig. Wir haben jetzt eigene Räume, zum Beispiel verschiedene Arbeitszimmer, einen Seminarraum. Das bietet mehr Möglichkeiten für die Lehre und vereinfacht die Organisation erheblich.

Wir haben mittlerweile eine Richtung eingeschlagen, die – wie ich finde - sehr wichtig und interessant ist, nämlich eine Verbindung zwischen der Allgemeinmedizin und der Pflege. Ich habe eine Stelle für wissenschaftliche Mitarbeiter im letzten Jahr mit einer Pflegewissenschaftlerin besetzt – also einer Krankenschwester, die ihren Master in Pflegewissenschaften gemacht hat. Das ist für mich optimal, denn die Allgemeinmedizin ist die Sparte der Medizin, die an vorderster Front am Patienten arbeitet. Wir haben  nicht bloß unsere Sprechstunden, wir haben ja auch unsere Pflegeheime. Wir haben  auch ambulante Pflegebeauftragte zuhause und unsere nächsten Verbündeten für die Arbeit am Patienten sind die Schwestern und die Altenpflegerinnen. Deshalb finde ich es ganz wichtig, dass man  versucht, zwischen dem Fach der Pflege und dem Fach Allgemeinmedizin eine Verbindung herzustellen.

Ich bin sehr glücklich und zufrieden

Die Allgemeinmedizin muss nicht mehr - wie in früheren Jahren auf der Uni - um Anerkennung und Unterstützung kämpfen. Mittlerweile setzen wir  Forschungsvorhaben – auch landes- und fakultätsübergreifend um, zum Beispiel ein Projekt zur Möglichkeit der Früherkennung von Leberzirrhose in Hausarztpraxen.

Im Moment bin ich sehr glücklich und zufrieden. Denn ich denke, Allgemeinmedizin hat nicht nur politisch in den Medien, sondern auch persönlich spürbar enormen Schub bekommen. Die Früchte unserer Arbeit sieht man daran, dass auch die Zahl der PJler ständig zunimmt. Wir haben dieses Jahr schon 7 PJler, die Allgemeinmedizin machen, und 7 PJ-Lehrpraxen – früher war meine eigene Praxis die einzige. Daran hat die KV natürlich einen ganz großen Anteil, denn hier gibt es ja die Förderung von 2.000 Euro für ein Tertial.

Frage: Wie läuft die Lehre ab?

Wir kommen im Moment ein bisschen weg von dieser sturen Vorlesung. Wir haben zum ersten Mal in diesem Semester die Anwesenheitspflicht abgeschafft. Wir haben  drei Seminartage mit jeweils 6 Seminaren und mit jeweils 20 Studenten pro Seminar. Die  Evaluation dieses Semesters ist gigantisch gut. Studenten möchten die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, zu welchem Seminar sie gehen und welche Vorlesung sie sich anhören. Die Studierenden sagen auch, dass sie mehr Seminare, also Kleingruppenlernen und praxisbezogenes Lernen, möchten.

100 Anmeldungen für das Wahlpflichtfach „Wie geht Hausarzt?“

In der Lehre ist es für mich ganz wichtig - das hat sich auch gezeigt an anderen Universitäten - dass wir versuchen, den Studenten das Fach sehr früh nahezubringen. Deswegen machen wir jetzt auch zwei Semester ein Wahlpflichtfach, nämlich „Wie geht Hausarzt?“. Es soll ein „Appetizer“ sein für Studenten, die frisch vom Abitur auf die Uni kommen und im ersten vorklinischen Bereich bereits Lust auf den Kontakt zu Patienten haben und in der Allgemeinmedizin schnuppern möchten. Gedacht ist es als Intensivseminar mit begleitendem Mentoring. Bereits am Einführungstag nach der Erstsemestervorlesung war der Kurs voll, wir hatten 100 Anmeldungen, so dass wir auslosen mussten.

Der Kurs wird mit einem OSCE abgeschlossen (Objective Structured Clinical Examination), also einer klinisch-praktischen Prüfung in einer sicheren Umgebung. Die Studenten durchlaufen in einem gewissen Zeittakt vier Stationen mit klinisch-praktischen Aufgaben. An jeder Station werden bestimmte Punkte abgeprüft, zum Beispiel auch der Umgang mit dem (Simulations-)Patienten: wie ist die Kontaktaufnahme, ist Augenkontakt da, wird dem Patienten die Hand gegeben? Wie wird mit Patienten umgegangen? Ist es empathisch oder nicht empathisch? Wird klinisch strukturiert untersucht?

Was uns fehlt, sind praktische Prüfungen

Die OSCE-Prüfung ist eine ganz wichtige Prüfung, die eigentlich an jeder Fakultät vorhanden sein müsste. Große Fakultäten, wie Frankfurt oder Heidelberg haben große OSCEs über 12 Stationen oder noch mehr. Wir hatten bisher keine. Ich denke, man kann eine gute Lehre aber nur anbieten, wenn man auch entsprechend prüft. Was uns fehlt, sind praktische Prüfungen und wie man sie klinisch-praktisch durchführt. Und das ist nicht bloß ein Steckenpferd von mir, sondern auch eine Aufgabe, von der ich glaube, die Allgemeinmedizin als das umfassendste Fach in der Medizin sollte sich darum kümmern.

Zusätzlich haben wir noch ein Wahlpflichtfach für die klinischen Studenten, es heißt „Selbstständigkeit und Niederlassung“. Hier haben wir  Bankvertreter oder Vertreter aus dem Versicherungswesen eingeladen, auch die KV nimmt regelmäßig teil. Themen sind zum Beispiel „Wie finanziere ich meine Praxis?“. Das Seminar ist nicht speziell für Hausärzte. Ich werde hier ja nicht bloß finanziert von den Hausärzten, sondern von der gesamten KV. Und verstehe da auch meine Verantwortung dafür zu sorgen, dass ich natürlich auch etwas tue für den Nachwuchs der Fachärzte. Da ist zum Beispiel das Thema  „Wie mache ich mich selbstständig, wie lasse ich mich nieder“ ein Bereich, den ich mir gerne zu Herzen nehme, nicht nur speziell im Bezug zur Allgemeinmedizin.

Frage: Warum ist der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin aus Ihrer Sicht wichtig?

Generell ist es schwierig, junge Menschen dazu zu bringen, sich in der Medizin für den Beruf des Hausarztes zu entscheiden. Zusätzlich möchten wir natürlich auch erreichen, dass wir speziell hier im Saarland mehr Hausärzte bekommen. Das ist nicht einfach. Denn wir wissen natürlich, dass die, die im Saarland bleiben, vorwiegend die sind, die aus dem Saarland stammen. Diejenigen, die in Homburg anfangen und anschließend in Homburg bleiben, sind pro Erstsemester vielleicht 50. Und dann können Sie natürlich rechnen, wenn sie von 50 vielleicht einen oder zwei dafür gewinnen können, Hausarzt zu werden, ist das schon viel. Aber ob die danach auch im Saarland bleiben, ist die andere Frage.

Ein Pflichttertial wäre „psychologisches Stalking“ für Medizinstudenten

Den Weg zur Allgemeinmedizin kann man nicht erzwingen. Deshalb bin ich auch gegen ein Pflichttertial in der Allgemeinmedizin. Man kann niemanden dazu zwingen, ein Fachgebiet zu mögen. Das ist als ob Sie jemanden stalken und glauben, dass Sie dadurch seine Liebe gewinnen, es ist quasi „psychologisches Stalking“ für Medizinstudenten. Die Freiwilligkeit ist das Entscheidende. Die jungen Leute möchten sich freiwillig entscheiden und möchten auch Argumente hören. Deshalb brauchen wir hier eine gute Lehre und Ansprechpartner für die Studenten.

Die persönliche Entwicklung meiner Studenten kann ich nicht steuern. Aber ich kann ihnen anbieten, auch passiv für sie da zu sein und zu sagen, „ich übernehme gerne euer Mentoring“. Denn man braucht immer einen Kollegen, der einem auch mal eine unterstützende Meinung sagt. Nicht zuletzt dann, wenn es zum entscheidenden Punkt kommt, nämlich einer Praxisübernahme oder eines –einstiegs. Aber das ist so, als ob Sie eine Pflanze draußen im Garten setzen, zum Beispiel einen Ginko-Baum, von dem Sie jedes Jahr denken, wenn Sie rausschauen „Mensch, wachs doch“. Aber Sie wissen, wenn er mal gewachsen ist, dann hält er fast ewig. Das ist Allgemeinmedizin.

Frage: Warum ist die Zusammenarbeit mit den Lehrpraxen so wichtig?

Ein Großteil der Lehre findet in den Praxen statt. Da brauchen wir die Kolleginnen und Kollegen „draußen“. Und die Kollegen  müssen mit ihrer Arbeit die Studenten überzeugen und müssen auch überzeugen durch ihr Vorbild. Das ist ein ganz großes Thema, was gerne vergessen wird. Das weiß jeder von uns Ärzten eigentlich, denn der ganze Lebensweg ist geprägt von Vorbildern. Und da macht mich eines ziemlich traurig, denn es wird zu viel gejammert bei uns Hausärzten. Was nutzt es, daß ich den Studenten erzähle, wie toll Allgemeinmedizin ist, wenn sie dann aus dem Praktikum zurückkommen und mir berichten, dass der Arzt die ganze Zeit gejammert habe.

Denn es reicht nicht aus, einfach nur Werbung zu machen für irgendwas, wir müssen auch zeigen, dass wir das wirklich möchten. Dass wir Nachwuchs brauchen. Aber wenn wir mit unserem Job unzufrieden sind, und das auch so „rüberbringen“, dann brauchen wir auch keinen Nachwuchs. Dann brauchen wir auch keinen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin.

Was uns verbindet, ist die Möglichkeit die berufliche Lebensplanung komplett selbst zu übernehmen

Ich finde nicht, dass es uns allen schlecht geht. Und vor allem darf man nicht außer Acht lassen: Das, was  uns verbindet, ist ja nicht vorwiegend das Fach, sondern die Möglichkeit der Selbstständigkeit. Das ist ein wichtiger Punkt, von dem ich glaube, dass ich meine Studenten damit begeistern kann. Nämlich der Möglichkeit, die Lebensführungsplanung und die berufliche Lebensplanung komplett selbst zu übernehmen. Irgendwelche Dinge, die man regeln muss, Bürokratie, das haben wir alle. Das ist für mich kein Grund dafür oder dagegen zu argumentieren.

Frage: Wie sieht Ihr eigener Alltag jetzt aus – mit Ihrer Praxis in Blieskastel und der gleichzeitigen Professur am Lehrstuhl?

Mein Alltag sieht so aus, wie schon die 14 Jahre zuvor, als ich noch keine Professur hatte. Denn ich habe ja das Glück, dass ich eine Gemeinschaftspraxis in Blieskastel habe. Deshalb kann ich es mir erlauben, Mittwochs nachmittags und Freitags ganz an der Uni zu sein.

Ich könnte meine ganze Arbeit aber nicht leisten ohne meine Frau. Meine Frau ist diejenige, die mir den Rücken frei hält. In jeder Beziehung. Meine Frau ist MFA und  schon seit jeher diejenige Person, die mir in der Praxis ermöglicht, mich auf die Medizin zu konzentrieren. Und die es versteht, dass ich zusätzlich meine Arbeit an der Uni habe.

Ich möchte auch so ein bisschen raus aus der Medizin gehen können und auch vernetzt bleiben. So gesehen bin ich dankbar für dieses Konstrukt, dass ich zwar Teil der Fakultät, aber nicht Teil der Uniklinik bin. Das heißt, dass ich mich an der Uni ganz auf Lehre und Forschung konzentrieren kann, weil ich die Patientenversorgung in dem Moment an meine Praxiskollegin abgeben kann und keine Patienten auf dem Campus versorgen muss.  Ich muss also nicht diesen täglichen Spagat zwischen Patientenversorgung und Lehre und Forschung machen. Deshalb ist mein „Doppelleben“ für mich auch keine Belastung. Und die Tätigkeit mit jungen Leuten ist für mich eigentlich belebend. Und ich fühle mich auch verpflichtet – wir haben selbst drei Kinder, alle drei studieren und ich wünsche mir auch für sie, dass sie Professoren haben, die sich um sie kümmern.

Frage: Was möchten Sie den Studierenden vermitteln?

Vielleicht kann ich das am Beispiel meines eigenen Lebenslaufes am besten erklären:

Mein eigener Weg war nicht geradlinig, er ging nicht direkt in die Allgemeinmedizin. Ich wollte Physik und Astronomie studieren. Als mein Vater hörte, dass ich Astronom werden wollte, meinte er „mach das auf keinen Fall“. Aber ich wollte „in die Sterne schauen“. Und er hat mir dann in den Schulferien und am Wochenende ermöglicht, dass ich die Nächte in Heidelberg am Observatorium verbringen konnte. Nach mehreren durchgefrorenen Nächten habe ich dann gedacht, dass optische Astronomie vielleicht doch nicht so toll wäre und Radioastronomie eigentlich langweilig. Und da hat mein kluger Vater zu mir gesagt, „mach doch Medizin“. Und dann habe ich Medizin studiert, weil ich davon überzeugt war, dass ich Forscher werde. Ich habe meine Doktorarbeit in der Membranforschung gemacht und nach fünf Jahren Doktorarbeit habe ich gewusst: „Ich werde kein Forscher, das langweilt mich.“ Also hat es sich gelohnt das zu tun.

Ich war trotzdem nach meiner Forschungszeit dann der Meinung, dass ich noch was mit Physik dazu tun muss und habe entschieden: Ich werde Augenarzt. Und deswegen habe ich mein PJ auch in der Augenheilkunde gemacht. Da habe ich dann gemerkt, dass ich mich entwickelt hatte, dass mich das Ganze interessiert hat und nicht bloß die Augen.

Ein Chefarzt, von dem ich wirklich 80 % meines Wissens habe

Als ich damals – 1983 – mit dem Studium fertig war, gab es für Ärzte keine Arbeit. Ich habe – nach mehr als 80 Bewerbungen – über mein großes Hobby, die Kirchenmusik, eine Stelle in einem kleinen Krankenhaus in der Pfalz gefunden, weil ich mich bereit erklärt hatte, dort sonntags morgens zusätzlich Orgel zu spielen. Ich war zunächst in der Chirurgie. Nach einem Jahr habe ich aber in die Innere Medizin gewechselt und dort eines meiner ganz großen Vorbilder getroffen: Einen Chefarzt, von dem ich wirklich 80 % meines Wissens habe. Der auch menschlich großartig war, und von dem ich in meiner Krankenhauszeit sehr viel gelernt habe. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass die Innere allein mich nicht befriedigt. Erst da habe ich mich entschlossen, in die Praxis zu gehen. Ich war dann in einer großen Praxis Weiterbildungsassistent. Auch dort war der Praxisinhaber ein Vorbild - als Arzt und Mensch. Im ersten Schritt war ich allerdings von der vielen Arbeit erschlagen und ging zurück ins Krankenhaus. Nach einem weiteren Jahr in der Klinik und einem Junggesellen als Chef, habe ich beschlossen, dass wenn ich schon jeden Abend bis zum zehn arbeiten muss, dann lieber in der eigenen Praxis.

Ich will damit sagen: Man muss jungen Leuten Zeit geben, sich zu finden. Landarztverträge unterschreiben lassen mit 19 Jahren? Das finde ich unmöglich. Wissen, dass er Landarzt werden möchte, kann jemand, dessen Vater eine Praxis auf dem Land hat. Weil er es kennt. Alle anderen können das nicht. Die unterschreiben vielleicht und wenn sie fertig sind, sagen sie, „ich werde Chirurg“. Und dann geht die ganze Misere von vorne los. Nein, lasst den jungen Leuten die Freiheit, ihren Weg zu gehen und zu entscheiden, was sie möchten. Das ist mein Credo und das möchte ich vermitteln.

Frage: Wie sind Sie ins Saarland gekommen und warum sind Sie gerne Arzt im Saarland?

Ich stamme selbst aus Speyer. Ich kam dadurch ins Saarland, dass ich auf der Geburtstagsparty einer Kollegin in Ommersheim jemanden kennenlernte, der Praxisvertretungen machte und der mir sagte, er mache Vertretung in Blieskastel bei einem Kollegen, der schwer krank sei und sich Gedanken mache, wie er sie Praxis weitergeben könne. Ich habe dann einen Termin in der Praxis gemacht, und wir haben uns auf Anhieb verstanden. Wir haben ein Jahr lang eine Übergangsgemeinschaft gemacht. Als er in Rente ging, hatte ich eine Praxis mit fast null Fluktuation. Das war von Anfang so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das hat sich auch nie mehr geändert. Und auch Blieskastel ist ein Ort, von dem ich sage, da fühle ich mich richtig wohl. Parklandschaft, Obstbaumblüte im April. Phantastisch. Aber es ist natürlich auch so, dass ich eine Frau habe, die aus dem Saarland stammt.

Wir haben eine sehr große Praxis, wir leben und arbeiten hier in einer tollen Umgebung. Meine Jungs sind auch alle Saarländer – letztendlich – und ich weiß auch genau – bis auf den ältesten, der mittlerweile in Ulm lebt – sagen die auch, „wir sind Saarländer, wir bleiben hier“.

Aber genau das kann man nicht vermitteln. Das muss man selbst fühlen, das muss passen. Für die berufliche Lebensplanung und die private Lebensplanung.

Frage: Wie wird die medizinische Versorgung im Saarland Ihrer Meinung nach in Zukunft aussehen?

Der größte Teil des medizinischen Nachwuchses sind Frauen. Eine Frau, die entscheidet, auch eine Familie zu planen, muss immer schauen, wie sie alles unter einen Hut bringen kann. Das heißt, die Arbeitsformen der Zukunft werden weggehen von der Einzelpraxis. Wir werden auf jeden Fall größere Gebiete haben, mehrere Modelle haben, wo Leute in Teilzeit angestellt arbeiten. Ich selbst halte  das MVZ nicht für das beste Modell. Aber ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass die Einzelpraxis die große Ausnahme sein wird.

Die Zukunft liegt in der Kooperation

Wir haben natürlich im Saarland das Problem, wie wir eine  flächendeckende Verteilung erreichen können. Da weiß ich im Moment nicht, wie die Lösung aussehen könnte. Als worst case müssen wir damit rechnen, dass große ländliche Gebiete – bei uns im Saarland ist das zwar nicht so riesig groß wie in Sachsen oder Sachsen-Anhalt - in Zukunft keine ärztliche Versorgung haben werden. Und da sollten wir Modelle entwickeln, wie man durch eine Verbindung von Telemedizin und NäPas (Nicht-ärztliche Praxis-Assistenten) in Zukunft auch dort die Versorgung der Patienten sicherstellen kann. Und da sind wir wieder bei der Vernetzung der Allgemeinmedizin mit der Pflege…

Frage: Welchen Rat würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen geben, die sich als (Haus-)Arzt im Saarland niederlassen möchten?

Es gibt nicht einen Rat, es gibt ein Bündel von Ratschlägen. Und der erste Rat von mir ist immer: Sie sollten  Ihre Weiterbildungszeit nicht in der kürzest möglichen  Zeit absolvieren. Suchen Sie sich gute Lehrer aus, suchen Sie sich gute Vorbilder raus. Suchen Sie sich gute Lehre raus, möchte ich damit sagen. Nehmen Sie sich so viel Zeit, bis Sie das Gefühl haben, Sie haben das Rüstzeug selbstständig zu sein. Ich bin gegen das Lernen und Studieren in der Mindestzeit. Man kann nie zu viel wissen und können.

Das zweite ist: Schauen Sie zu,  dass Sie jemand haben, der Sie berät, wenn Sie in die Praxis gehen möchten. Dass Sie Kolleginnen und Kollegen haben, die Ihnen zur Seite stehen. Man ist oftmals ganz allein. Bei mir ist da auch so gewesen. Natürlich konnte man die KV fragen, aber man braucht auch jemand in persönlichen Dingen

Das dritte wäre – ganz, ganz wichtig - sorgen Sie dafür, dass es neben der Medizin noch andere wichtige Dinge in Ihrem Leben gibt, die Sie mit Nachdruck verfolgen. Denn ich glaube, Unzufriedenheit und Burnout entspringt vor allem daraus, dass man versäumt hat, das zu tun. Es muss etwas geben, für das man sich begeistern kann – neben der Medizin.

 

Prof. Johannes Jäger im Juli 2016