Facharzt: Dr. David Steffen - Facharzt: Dr. David Steffen

Unsere Themen

Webcontent-Anzeige (Global)

Weiterführende Links

Weitere Informationen

Downloads

Asset Publisher

angle-left Facharzt: Dr. David Steffen

"Manchmal wie eine Folge Dr. House"

 

Dr. David Steffen ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und seit 2014 in Saarlouis niedergelassen. Im Interview berichtet er über die ersten Jahre in der eigenen Praxis.

Wo haben Sie studiert?

Studiert habe ich in Homburg an der Universität des Saarlandes. Mein Praktisches Jahr habe ich teilweise am Universitätsklinikum des Saarlandes und am Klinikum Saarbrücken absolviert.

Wann haben Sie sich entschieden, Arzt zu werden?

Die Entscheidung, Arzt zu werden, ist letztlich relativ kurzfristig während meines Zivildienstes im Rettungsdienst gefallen. Ich hatte damals eine Zusage von der Zentralen Vergabestelle für Molekularbiologie und Medizin und habe mich nach einem 24h-Dienst eindeutig für die Medizin entschieden. Wobei ich eigentlich seit der Jugendzeit immer wieder mit dem Arztwerden geliebäugelt habe, da ich bereits früh die Tätigkeit durch meinen Vater kennengelernt habe, der seit 1983 niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Saarlouis war.

Nach meinem Staatsexamen habe ich in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes meine Facharztweiterbildung begonnen und habe dort in vielfältiger Weise das stationäre Arbeiten mit Akutmedizin und Nachtdiensten, aber auch die Forschung erlebt. Die Zeit auf einer akutpsychiatrischen Station hat doch einen besonderen Charme, den jeder kennt, der dort einmal gearbeitet hat. Dazu gehören lange Tage, lange Nächte, Überstunden, Notfälle, aber auch der Zusammenhalt mit den Kolleginnen und Kollegen und dem Pflegepersonal. Für mich persönlich hat dieser Reiz aber stetig abgenommen und ist eher einer Frustration gewichen, den Stationsalltag per Definition nicht schaffen zu können, keine Zeit zu haben für Patientenversorgung, organisatorische Arbeit, Arztbriefe oder gar die Forschung. Das Arbeiten in einer Psychiatrie ist besonders. Man hat es häufig mit akuten Krankheitsbildern, akuten Psychosen, Selbstmordgedanken oder Alkoholintoxikation zu tun. Von meinem Gefühl her blieben die möglichen therapeutischen Schritte stets eingeschränkt. Häufig hieß es eher „stabilisieren und wieder entlassen“. Eine wirklich nachhaltige – vor allem psychotherapeutische Arbeit – war hier selten möglich. Parallel begann meine Ausbildung zum tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapeuten und der Wunsch, neben der psychiatrischen Tätigkeit auch psychotherapeutisch tätig zu werden, ist immer größer geworden und stand in immer größerem Maße dem Stationsalltag entgegen.

So habe ich mich zunächst entschlossen, am Klinikum Saarbrücken mein neurologisches Jahr im Rahmen der Facharztausbildung zu absolvieren. Das war zwar eine sehr gewinnbringende Zeit, in der ich somatisch fit wurde und fortan keine Angst mehr vor Notfallsituationen haben musste. Aber Familie, Freunde und das Privatleben blieben letztendlich auf der Strecke. Lange Arbeitszeiten, mehr als sechs bis acht Nachtdienste bei lediglich ein oder zwei freien Wochenenden im Monat haben dann doch häufig demotiviert.

Mein Glück war es, meine Weiterbildungszeit ambulant in einer Facharztpraxis in Saarlouis beenden zu können. In der ambulanten Weiterbildung ist das Zeitbudget für den Patienten zwar nicht gerade unrelevanter geworden, aber ich hatte wesentlich mehr Freiheiten, konnte meine Zeit selbst einteilen und sie besser auf die Bedürfnisse der Patienten zuschneiden. Vor allem die Möglichkeit, auch langfristige psychotherapeutische Behandlungen durchzuführen, habe ich als großen Gewinn erlebt. Dies alles hat meine Begeisterung für das Fach erhalten.

So war für mich rasch klar, dass ich nach Bestehen der Facharztprüfung weiter ambulant arbeiten wollte, und es ergab sich die Chance, die Praxis, in der ich die Weiterbildung abgeschlossen hatte, 2014 zu übernehmen. Ich würde sagen, dass sich meine Gesamtarbeitszeit nicht unbedingt reduziert hat. Häufig sind 50 bis 55 Stunden pro Woche für mich Alltag. Allerdings kann ich die Mittagspause mit meiner Familie verbringen und flexibler in Urlaubs- und Hobbygestaltung sein.

Was sind die Vorteile, wenn man selbstständig in der eigenen Praxis arbeiten kann?

Ich sehe die Vorteile klar in der Möglichkeit, die Patientenversorgung, die psychiatrische und gerade auch psychotherapeutische Tätigkeit selbstständig gestalten zu können und habe das Gefühl, doch näher an den Problemen und an der Lebenswirklichkeit meiner Patienten behandeln zu können. Überhaupt nicht vermisse ich die häufigen „Drehtürpatienten“, die im nächsten Nachtdienst schon wieder auf der Türschwelle standen, nachdem man sie gerade erst am Tag zuvor nach vielen Mühen entlassen hatte. Anfängliche Ängste, als Kassenarzt auf sich allein gestellt zu sein, habe ich überhaupt nicht bestätigt gefunden. Mein Glück war es, durch die Übernahme der Facharztpraxis zwei langjährig erfahrene Fachärzte für eine weitere Angestelltentätigkeit begeistern zu können. Ich erlebe hier einen täglichen Austausch in fast ruhiger Caféhausatmosphäre.

 

v.l.: Alexandra Litinetski (angestellter Arzt), Dr. David Steffen (Praxisinhaber), Dr. Michael Mohm (angestellter Arzt)

Wie sieht Ihr Praxisalltag aus?

Zunächst erlebe ich meinen Praxisalltag als sehr spannend und abwechslungsreich.

Das resultiert sicherlich daraus, dass ich einen sehr ausgewogenen Mix aus akutpsychiatrischer und psychotherapeutischer Tätigkeit, Gruppentherapie sowie Suchtbehandlung mit einer qualifizierten ambulanten Entzugsbehandlung aufgebaut habe. Darüber hinaus nehme ich an vierzehntägig stattfindenden Qualitätszirkeln teil, in denen ich mir Rückendeckung für meinen Alltag geben lassen kann. Tägliche Arbeitszeiten zwischen 8 und 11 Stunden sind jedoch die Regel. Unterbrechen kann ich diese durch zweistündige Mittagspausen, in denen ich Ausgleich mit meiner Familie finde.

Als Psychiater und Psychotherapeut sollten Sie davon ausgehen, dass Sie viele Patienten haben, die glücklicherweise arbeiten und fest im Leben stehen. Sie müssen sich jedoch an deren Bedürfnissen orientieren und Termine in den Abendstunden anbieten. Freitags gönne ich mir einen kurzen Tag und kann bereits um 14:00 Uhr in meinen Feierabend starten.

Nicht weniger geworden im Vergleich zur Klinik ist der Verwaltungsaufwand sowie die Organisation der Praxis- und Personalführung. Ich schätze, dass dies gut 25% meiner Arbeitszeit ausmacht und sich häufig auch ins Wochenende hineinzieht. Da mir bei meinen Patienten eine persönliche und vertrauensvolle Anbindung sehr wichtig ist, bin ich in Notfällen auch privat erreichbar und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich werde nicht häufiger als zwei bis vier Mal im Monat angerufen. Meist sind dies Krisen, die wir dann telefonisch bewältigen und mitunter eine stationäre Aufnahme verhindern können.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Fachgebiet am besten?

Kurze klare Antwort: Alles! Nein, Spaß beiseite, am meisten an meinem Fachgebiet gefällt mir die Vielfältigkeit. Dass Sie morgens nie wissen, was Ihnen am Tag begegnen wird. Sie lernen stündlich neue Menschen und neue Lebensgeschichten kennen und haben meist ein rasches Erfolgserleben. Gerade Patienten in einer therapeutischen Beziehung zu begleiten und sie wachsen zu sehen, unterstützt mich nicht nur immer wieder aufs Neue, mich für das Fachgebiet zu entscheiden, sondern kann einem auch helfen, sich selbst im Leben besser zu orientieren und den Selbsterfahrungsprozess aufrechtzuerhalten. Da Sie als Psychiater und Psychotherapeut an Problemen, Leiden, aber auch Lösungen Ihrer Patienten teilhaben, schaffen Sie es, sich quasi das Wissen hunderter Leben in kürzester Zeit anzueignen.

Wie waren die ersten Jahre in der Praxis?

Die größte Umstellung für mich in den ersten Praxisjahren war es, finanziell umzudenken. Auf einmal hat man keine monatlichen Gehaltszahlungen mehr, muss sich um Rückstellungen, Kontokorrentzinsen, Betriebskosten, Versicherungen und den eigenen Ausfall durch Krankheit Sorgen machen. Vorher konnte ich mir nicht vorstellen, was für ein Hochgefühl es ist, wenn das Konto das erste Mal nicht mehr im Minus ist. Ich glaube, dass die finanziellen Umstellungen für mich aber bedeutender waren als der Wechsel vom stationären ins ambulante Arbeiten, da ich nach meiner Weiterbildungszeit mein Arbeitszimmer, meine Kollegen und meine Patienten behalten habe. Wenn man aber erst einmal den Dreh heraus hat und verstanden hat, wie Abrechnungssysteme funktionieren, und wenn man die ersten Stolperfallen überwunden hat, kann man sich von den Gedanken um Punkte, Praxisbudgets und Betriebskosten lösen und die Arbeit tatsächlich genießen.

Als sehr spannend habe ich gerade die Zusammenarbeit mit fachfremden Kollegen, zum Beispiel Praxisnetzen, gemeinsamen Kooperativ- oder Selektionsverträgen, aber auch die Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer psychiatrischer Behandlung erlebt. Ich habe meine Tätigkeit in der Praxis immer so verstanden, „eine Idee weiter zu sein“, um mich des Slogans eines Automobilherstellers zu bedienen. Für mich ist es selbstverständlich, mich in Fachgesellschaften und auch weiterhin in der Forschung zu engagieren. Ich habe erlebt, dass mir die Facharztpraxis hier auf einmal wesentlich mehr Möglichkeiten eröffnete, als es noch im stationären psychiatrischen Bereich möglich gewesen wäre. Denn gerade die Etablierung und Weiterentwicklung der ambulanten qualifizierten Entzugsbehandlung als echte Alternative zur stationären Behandlung in Zusammenarbeit mit Krankenkassen als Besondere Versorgung waren spannend und zum Glück letztendlich auch von Erfolg gekrönt.

Welchen Tipp würden Sie jungen Medizinstudierenden für Ihr Studium geben?

Ich würde dringend dazu raten, jede Sekunde der praktischen Tätigkeit zu nutzen und neue Erfahrungen zu machen. Ich selbst bereue es, aufgrund meiner Promotion die Möglichkeiten der Auslandssemester, zum Beispiel über das Erasmusprogramm, nicht genutzt zu haben und merke heute, dass das einmalige Chancen sind. Und dann wünsche ich ihnen Durchhaltevermögen. Ich habe erst zum Ende des Studiums im Praktischen Jahr all das Wissen, das man sich eingetrichtert hat, mit praktischen Fragen und ärztlichem Handeln verbinden können und gemerkt, dass es dann doch einen Sinn ergibt. Nie hätte ich mir erträumen lassen, dass ich in meiner Tätigkeit als Psychiater Innere Medizin, Chirurgie, Augenheilkunde, Orthopädie, Genetik und all das andere tatsächlich noch einmal brauchen würde.

Heute bin ich froh, zumindest auf ein systemisches Wissen zurückgreifen und entsprechend vertieft nachlesen zu können. Gerade das breite Wissen ist in der differenzialdiagnostischen Abklärung als Psychiater und Psychotherapeut unbedingt erforderlich.

Wie würden Sie Ihren Beruf in einem Satz beschreiben?

Vor allem als spannend, abwechslungsreich, teils hochanspruchsvoll und differenzialdiagnostisch, manchmal wie in einer Folge von „Dr House“ – aber insbesondere wichtig sind auch die guten Beziehungserfahrungen und die Freude daran, Patienten gesunden zu sehen.

Hat Ihnen das PJ im Studium bei der Arbeit mit den Patienten geholfen?

Wie ich schon bei meinen Ratschlägen für junge Medizinstudierende betont habe, war für mich das Praktische Jahr der Schlüsselmoment, mit all dem angehäuften Wissen plötzlich gewinnbringend ärztlich tätig zu werden und all die Einzelheiten zunehmend in einem großen Ganzen zu verstehen.

Wie sah die Unterstützung durch die KV aus?

Die Unterstützung durch die KV habe ich als beruhigend erlebt, sei es in Fragen von Abrechnungsdetails oder auch nur Budgetberechnungen – oder als es darum ging, den Honorarverteilungsmaßstab zu verstehen. Aber auch in der Frage neue Ideen umzusetzen, Jobsharing einzurichten oder mal mit Hilfe der KV eine Umfrage bei meinen Kollegen durchzuführen, habe ich mich stets unterstützt gefühlt. Mir kurz telefonisch meine Abrechnungsunterlagen oder Berechnungsschritte erklären zu lassen, gestaltete sich einfach, da ich von Beginn an feste Ansprechpartner von der KV zugeteilt bekommen hatte.

Vielleicht wäre es in Zukunft aber gerade für junge Kollegen, die sich zur Niederlassung entscheiden, sinnvoll, Seminare oder Informationen wie einen betriebswirtschaftlichen Crashkurs für Ärzte anzubieten.

Was heißt es für Sie, Arzt im Saarland zu sein?

Ich habe mir lange Zeit gar nicht vorstellen können, in einer Klinik im Saarland „alt zu werden“, sondern habe eher an Großstädte gedacht. Vielleicht mag es ein krasser Kontrast sein, in Saarlouis am Kleinen Markt in der Fußgängerzone zu sitzen, aber wenn ich aus meinem Zimmer schaue, den Springbrunnen plätschern höre und all die Leute lachend über den Markt laufen sehe, rückt in meiner Vorstellung die Großstadt doch in weite Ferne. Kurze persönliche Wege oder auch nur fünf Minuten von der Praxis entfernt zu wohnen, erlebe ich als die Dinge, die mein Leben entschleunigen.

Ich glaube, es ist wichtig für jeden, der sich vorstellen kann, als Kassenarzt zu arbeiten, sich – wie ich es gerne formuliere – auf eine „gefühlte“ Unsicherheit einzulassen. Eine Unsicherheit, wie sich der EBM verändert, was die nächsten Honorarverhandlungen oder Leitlinien bringen oder zum Beispiel in meinem Fall die nun zweite Novellierung der Psychotherapierichtlinie, die ich erlebe. Ich glaube, es ist wichtig, betriebswirtschaftlich und von der Praxisstruktur und Planung seines gesamten Angebotes in der Praxis in die Zukunft zu denken, sich bereits im Vorfeld darauf einzustellen, was man Patienten zukünftig anbieten kann, um nicht am Schluss in die Gefahr von Regressen zu laufen oder einfach sein Praxisbudget heillos überzustrapazieren. Für mich hat das eine besondere Bedeutung, da ich mit der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung in zwei Welten zuhause bin. So lebe ich von meinem Praxisbudget einerseits und bewilligungspflichtigen extrabudgetären Leistungen andererseits. Hier die betriebswirtschaftlich sinnvolle Balance zu halten und die Tageshöchstarbeitszeiten nicht aus dem Blick zu verlieren, erfordert eigentlich ein kontinuierliches Controlling. Ich persönlich habe Spaß daran gefunden und verstehe es stets als neue Herausforderung, denke jedoch, dass es einen rasch frustrieren und ermüden könnte, wenn man dies als Zwang versteht.

 

Dr. David Steffen im August 2016