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Erfahrungsberichte aus der Praxis

null PJ Allgemeinmedizin: Sonja Rüter

 

Sonja Rüter studiert im 12. Semester Medizin und absolvierte von September bis Dezember 2016 einen Teil ihres PJs in der Praxis für Allgemeinmedizin von Béatrice Gospodinov und Katharina Projsner in Saarbrücken . Im Interview erzählt sie, was ihr das PJ gebracht hat. Béatrice Gospodinov erklärt, warum auch sie als langjährig tätige Ärztin immer wieder gerne junge Mediziner in ihrer Praxis ausbildet…

Wie kommt man denn als Medizinstudierende an eine Praxis fürs PJ?

Sonja Rüter: Prinzipiell ist das so, dass das Wahlfach Allgemeinmedizin von Herrn Professor Jäger am Zentrum für Allgemeinmedizin an der Uni koordiniert wird. Auf seiner Homepage oder im persönlichen Gespräch mit ihm kann man sich nach einer Praxis erkundigen, in der man das PJ absolvieren kann. Er ist ja selbst niedergelassen und nimmt in seiner Praxis auch PJ-Studenten für das Wahlfach auf. Wegen meiner Familie/ meinen Kindern bin ich an den Raum Saarbrücken gebunden und musste mir dort eine Praxis suchen. Prof. Jäger hat mich an die KV verwiesen und so bin ich an die Praxis von Frau Gospodinov gekommen.

Béatrice Gospodinov: Nur zur Info für die weiteren jungen Kolleginnen:…Sonja hat fünf Kinder. Und damit ist trotzdem alles möglich!

Wie ist das PJ denn abgelaufen allgemein?

Sonja Rüter: Zunächst absolvierte ich 16 Wochen in der Chirurgie im Klinikum Saarbrücken. Die erste Zeit war ich in der Unfallchirurgie, danach in der Allgemeinchirurgie und abschließend in der Neurochirurgie. Zwischendurch habe ich jeweils 1-2 Wochen in der Gynäkologie und der Rechtsmedizin hospitiert, da mich diese Fächer sehr interessiert haben. Seit Anfang September bin ich nun bis Weihnachten in der Praxis für Allgemeinmedizin bei Frau Gospodinov und Frau  Projsner. Am Anfang bin ich eigentlich zu hundert Prozent „mitgelaufen“, habe mir einfach mal alles angeschaut und die Praxis und die Abläufe kennen gelernt. Relativ früh hat mir Frau Gospodinov dann den Ultraschall gezeigt – wie es funktioniert,  was sie mir empfiehlt. Frau Gospodinov hat mir das dann immer mehr und mehr selbst überlassen. So dass ich das bei den Routinepatienten, die zur Kontrolle kommen, jetzt mehr oder weniger selbstständig durchführe. Ich kann aber zu jeder Zeit sagen, wenn ich zum Beispiel etwas nicht richtig sehe oder mir nicht sicher bin bezüglich der Diagnose.

Béatrice Gospodinov: Wir versuchen, Sonja natürlich an Geräte zu lassen und sie Untersuchungen machen zu lassen, die ein bisschen interessanter sind als nur Anamnese oder nur Blutentnahme - was Sonja sowieso schon ganz gut kann. Sonja macht natürlich auch Anamnese bei den Patienten. Im Moment gibt es gerade viele grippale Infekte. Unsere Patienten werden wegen des infektiologischen Schwerpunkts auch relativ regelmäßig sonografiert. Deshalb wissen wir meist schon vorher, was da Besonderes ist, zum Beispiel ein Gallenstein oder eine Zyste. Das schauen wir uns dann gemeinsam an und dann kann sie wirklich für sich selbstständig nochmal schauen, wie so ein Befund aussieht.

Was begeistert dich am PJ im Bereich Allgemeinmedizin und was gefällt dir an der Arbeit in der Praxis besonders gut?

Sonja Rüter: Am Fach Allgemeinmedizin fasziniert mich zum einen der vielfältige Patientenkontakt, der sich nicht nur auf das akut Medizinische beschränkt, sondern auch die weiter zurückliegende Anamnese sowie das ganze soziale Umfeld berücksichtigt. Als Hausarzt besteht der Kontakt meist über einen längeren Zeitraum und speziell wenn die ganze Familie „Patient“ ist, erhält man einen ganz besonderen Einblick und Zugang zum Patienten. Gerade in einer gelungenen Arzt-Patient-Beziehung spielt der Arzt eine besondere Rolle im Leben des Patienten, was in meinen Augen oftmals relevant ist bei schwierigen Themen wie Prävention und Gesundheitsvorsorge.

Zum anderen ist das Aufgabengebiet sehr vielfältig. Der Patient kann mit weit gestreuten Symptomen kommen und man ist gezwungen sehr breit gefächert nachzudenken ohne sich auf ein Fachgebiet zu beschränken. Es hat manchmal etwas von „detektivischer Kleinarbeit“ - es wird glaube ich nie langweilig...

Béatrice Gospodinov: Wir haben ein relativ festes Klientel, das immer wieder kommt. Und Sonja begleitet mich auch bei Hausbesuchen. Also hat sie da auch Gelegenheit zu sehen wie die Leute zu Hause leben. Teilweise sind die Patienten schon 36 Jahre bei mir in der Praxis, also so lange wie die Praxis besteht. Das finde ich sehr interessant.  Dann haben wir noch die Hausbesuche im Hospiz, die macht Sonja besonders gerne. In Altenheimen ist das zwar immer ein bisschen „rapides“ Arbeiten,  aber ich denke, die Häuslichkeit ist einfach sehr schön. Und da kriegt sie auch, das was sie eben schon sagte: nämlich den Kontakt zu den Patienten.

Allgemeinärztin Béatrice Gospodinov mit PJlerin Sonja Rüter

Béatrice Gospodinov und Sonja Rüter (v.l.)

Was durftest du denn noch alles machen?

Sonja Rüter: Ich habe zunächst angefangen mit einer Anamneseerhebung - gerade bei grippalen Infekten, die ja jetzt in der Saison relativ häufig sind. Ich gehe dann quasi vor zum Patienten und erhebe die Anamnese und nehme auch die erste Untersuchung vor. Wenn dann Frau Gospodinov nachkommt, besprechen wir meine Befunde und überlegen, was an Therapie sinnvoll ist. Normale körperliche Untersuchungen mache ich auch, zum Beispiel beim Check-up und bei der Hautkrebsvorsorge. Und dann – na klar: Blutdruck messen, Puls messen, auch mal eine Blutabnahme. Was auch regelmäßig ist, sind die Sonografien an den Routinepatienten.

Béatrice Gospodinov: Und ich versuche Sonja natürlich an besondere Fälle „ranzulassen“. Wenn wir zum Beispiel einen Herpes Zoster haben - was bei uns natürlich auch häufig vorkommt. Damit sie so ein Krankheitsbild sieht. Bei der Untersuchung ist meine Lieblingsfrage immer „An was denkst du denn jetzt?“ Damit sie einfach mal schaut. Und das bereichert mich auch! Wenn Sie mich fragen würden, was ich daran so interessant finde, ist das wirklich, dass wir die Sachen miteinander besprechen und ich dann auch offen sage, „hey, das ist clever“ oder „ja, stimmt“. Ich werde dabei auch wieder angeregt, ein bisschen  quer zu denken.

Was haben denn die Patienten gesagt?

Sonja Rüter: Also ich fand den Kontakt mit den Patienten toll. Ich hatte bisher überhaupt kein negatives Erlebnis. Alle haben mich sehr positiv aufgenommen. Ich frage meistens, wenn ich zum Patienten ins Zimmer komme, ob es in Ordnung ist, wenn ich schon mal anfange mit der Untersuchung. Bei der Sonografie frage ich auch, ob es ok ist, wenn ich das übernehme. Das wurde sehr wertschätzend aufgenommen und ich hatte auch viel Freude daran. Es hat mir geholfen, so ein bisschen die Scheu zu überwinden. Denn im Studium hat man relativ wenig Patientenkontakt und es hat unheimlich gut getan, dann hier so regelmäßig Patientenkontakt zu haben. Ich habe auch zum Beispiel gelernt, dass ich damit umgehen können muss, wenn ein Patient ein bisschen ruhiger ist oder auch wenn er sehr gesprächig ist. Damit ich auch zu meiner Untersuchung komme und mich nicht komplett ablenken lasse. Das ist nicht immer einfach...

Béatrice Gospodinov: Wobei Sonja natürlich auch ein sehr nettes „Handling“ hat.  Also ich habe wirklich auch die Erfahrung gemacht, dass kein Patient das ablehnt. Manchmal geraten Patienten, die mit einem „alten Problem“ kommen -  also sei es mit der Sexualität oder sei es mit der HIV-Erkrankung, also Themen, die sehr intim sind, ins Stocken, aber meistens verläuft sich das im Laufe des Gesprächs. Also ich fand das jetzt auch nicht negativ.

Welchen Tipp würdest du Studienkollegen geben, die das PJ noch vor sich haben?

Sonja Rüter: Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl und ich kann das auch jedem anderen Studierenden ans Herz legen - auch wenn man nicht plant in die Allgemeinmedizin zu gehen. Es ist ein ganz anderes Arbeiten in der ambulanten Versorgung. Das merke ich immer wieder. Ich denke, es ist auch ganz wichtig dies erlebt zu haben und die Abläufe zu kennen -  auch wenn man später dauerhaft in der Klinik arbeiten möchte.

Béatrice Gospodinov:  Wir Allgemeinmediziner arbeiten ohne Netz, das muss man einfach sagen. Und Allgemeinmedizin ist schon ein schwieriges Fach. Meine Meinung ist, dass  die Facharztmedizin nicht ohne die Allgemeinmedizin überleben könnte, weil dann das ganze „ungefilterte Patientengut“ in die Praxen reinkäme. Es ist schon komplex. Ja… Unser Beruf ist interessant und komplex.

Hat dir das PJ denn für die künftige Arbeit am Patienten geholfen?

Sonja Rüter: Das PJ hat mir sehr geholfen, selbstbewusster und selbstverständlicher mit Patienten umzugehen. Die Tatsache, dass ich täglich fortwährend mit Patienten konfrontiert bin, nimmt mir die Unsicherheit und Angst in Bezug auf den Patientenkontakt. Da jeder Patient anders ist und es natürlich auch immer wieder schwierige Patienten gibt, hat es mir sehr geholfen diese Routine zu entwickeln um auch in unangenehmen Situationen adäquat reagieren zu können.

Béatrice Gospodinov: Mir hilft es auch, weil man sich, wenn junge Leute in die Praxis kommen, überprüft. Weil ich Sonja erkläre, was ich mache. Häufig sind das Automatismen und das muss man auch mal hinterfragen - beziehungsweise Sonja hinterfragt, warum ich was wie mache.  Durch dieses Sich-konzentrieren auf tägliche routinemäßige Aufgaben kann ich mich selbst  auch überprüfen. Das tut der Qualität gut…Dieses gemeinsame Arbeiten ist eine schöne Sache.

(Haus-)Ärztin in eigener Praxis im Saarland – wie klingt das für dich?

Sonja Rüter: Ich lebe sehr gerne im Saarland. Ich bin zwar keine Saarländerin, aber ich bin vor 20 Jahren hierher gekommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hab ich mich super eingelebt und fühl mich wirklich wohl. Aufgrund meiner familiären Situation bin ich natürlich ein bisschen zurückhaltend mit eigener Selbstständigkeit und dem schon sehr ausgeprägten Arbeitsaufwand - wie ich es ja jetzt auch erlebe, aber die Arbeit in der hausärztlichen Versorgung finde ich spannend und kann es mir auf jeden Fall vorstellen.

Béatrice Gospodinov: Also ich finde auch, dass es gut sich anhört. Wir können uns das auch für unsere Praxis auch ganz gut vorstellen: Also wirklich gute, engagierte Ärztinnen, die morgens ein Teil der Arbeit übernehmen würden – als Teilzeitkraft.  Zum Beispiel eine Kollegin in einer ähnlichen Situation wie Sonja, die eine Halbtagstätigkeit ohne eigene Selbstständigkeit brauchen würde, entweder im angestellten Verhältnis oder gegebenenfalls später, wenn die Kinder größer sind, natürlich auch eine Teilhabe. Das ist alles im niedergelassenen Bereich möglich. Wenn Saarbrücken wieder geöffnet ist natürlich.

Ich bin seit 36 Jahren Hausärztin im Saarland und ich muss sagen: Ich erfreue mich sehr dem Standort und Sie kennen es ja sicher selbst …“kennst du den? Nein, aber ich kenne jemand, der kennt den“… und das macht es einfach sehr sympathisch. Und außerdem kann man gut essen hier.

Das Interview wurde am 8. November 2016 geführt

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