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null Rinneberg, Anna-Luisa: Ich habe den schönsten Beruf der Welt

In einer Reihe stellen wir im Saarländischen Ärzteblatt Ärztinnen und Ärzte vor, die seit 30, 35 oder sogar 40 Jahren als Vertragsärzte im Saarland tätig sind. Dr. Anna-Luisa Rinneberg ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit dem 1. April 1984 in Mettlach niedergelassen.

Dr. Sylvia und Dr. Anna-Luisa Rinneberg

 

Frau Dr. Rinneberg, Sie haben sich am 1. April 1984 in Mettlach-Orscholz niedergelassen. 35 Jahre sind eine lange Zeit. Müde?

Müde, wovon? Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Ich stamme aus einer Arztfamilie. Unsere Familie ist inzwischen seit drei Generationen und 81 Jahren als Ärzte tätig.

 

Sie führen seit 2000 gemeinsam mit Ihrer Tochter Sylvia eine Gemeinschaftspraxis, Sie haben zur Zeit einen Weiterbildungsassistenten, und Sie sind ärztliche Leiterin des Luisan Vitalcenters in Tünsdorf. Wie schaffen Sie das, wo bleibt die Work-Life-Balance?

Die aktuelle Diskussion um Work-Life-Balance nenne ich nach dem Titel eines Buchs gerne Work-Life-Bullshit.

 

Das ist ein hartes Statement. Jetzt sind wir auf eine Erklärung gespannt.

Das Zählen und Aufrechnen von Stunden, die man für Praxis und Privatleben aufwendet, führt in die Irre. Dahinter steckt die Idee, „wenn du nur eine bestimmte Zeit von Stunden arbeitest, wirst du glücklicher“. Was für ein Unsinn. Wir müssen unser Leben lieben und mit Leidenschaft leben. Die Balance findet immer in Seele, Geist und Körper statt. Eine Bilanzierung der Stunden führt zu nichts, höchstens zu einem schlechten Gewissen oder Unzufriedenheit.

 

Ein kurzer Rückblick: Was erleben Sie als niedergelassene Ärztin als größte Verbesserung im Vergleich zu früher?

Dass die Bereitschaftsdienste besser geregelt wurden. Das hat die KV exzellent gelöst. Die ständige Rufbereitschaft früher war schon sehr belastend.

 

Und was ist schlechter geworden im Vergleich zu früher?

Nichts.

 

Na ja, da könnte man schon einiges aufzählen, z.B. Bürokratie, Eingriffe der Politik usw.

Wissen Sie, ich halte nichts von Jammern. Davon wird nur selten etwas besser. Das Leben besteht aus Rahmenbedingungen. Und wenn diese sich ändern oder geändert werden, muss man intelligente Lösungen finden, damit zurecht zu kommen.

 

Da können Sie mir sicher ein Beispiel geben.

Ja, natürlich. Nehmen wir das Problem Nachwuchs. Noch vor einigen Jahren habe ich stapelweise Bewerbungen von Weiterbildungsassistenten bekommen. Heute ist der Markt leergefegt. Wir suchen inzwischen fast weltweit. Kürzlich habe ich 3.000 Euro investiert, um den polnischen Markt zu sondieren. Zusätzlich kostet das viel Zeit und Kraft. Aber es lohnt sich.

 

Wie sehen Ihre Erfolge aus?

Aktuell haben wir einen syrischen Weiterbildungsassistenten, der in der Vergangenheit mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat und perfekt Deutsch spricht. Er ist bereits Facharzt für Herzchirurgie und Intensivmedizin und möchte jetzt lieber in die Allgemeinmedizin, weil er das bis 90 machen kann. Dieser Mann ist für uns Gold wert. Und dank des Zuschusses der KV können wir ihn uns auch leisten. Denn er ist nicht preiswert.

 

Sie haben jetzt schon zweimal die KV lobend erwähnt. Sie müssen nicht nett sein, weil dieses Interview in einer Interview-Reihe der KV erscheinen wird. Es gibt doch vielleicht auch Dinge, die Sie an der KV stören, oder?

Sie werden lachen, nein. Die KV ist eine der Rahmenbedingungen, mit der man als niedergelassener Arzt lebt. Und damit kann man sehr gut zurecht kommen. Ich habe mich noch nie Ärger mit der KV gehabt. Im Gegenteil: Ich habe die KV Saarland in 35 Jahren immer als professionell und fair erlebt. Ich bin in vielen Fragen sehr gut beraten und betreut worden. Mit viel Freundlichkeit und Geduld.

 

Lassen Sie uns über Patienten sprechen. Ihr Praxis-Motto lautet: Der Mensch im Mittelpunkt. Was wollen Sie damit vermitteln?

Wir machen Medizin für die Menschen. Eine Voraussetzung dafür ist unser ärztliche Familientradition. Wir sind bereit und in der Lage, Menschen und ganze Familien über Jahrzehnte zu betreuen. Das führt zu großem Vertrauen der Menschen und – das wissen Sie sicher – langfristig auch zu geringeren Kosten.

 

Und weiter?

Der Mensch im Mittelpunkt erinnert uns auch immer daran, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Leibe und Seele, und natürlich seine Ängste. Der Mensch muss verändert aus dem Sprechzimmer kommen. Er muss voll Hoffnung sein, froher und – wenn nötig – getröstet.

 

Sie sind Allgemeinmedizinerin und keine Psychologin.

Als Arzt müssen Sie Multitalent sein. Das macht die Medizin so spannend, vielfältig und reizvoll. Ein Arzt ist ein mit medizinischen Kenntnissen ausgestatteter Künstler.

 

Bleiben wir bei den Patienten. Immer mehr Menschen informieren sich im Internet zu medizinischen Fragen. Stört Sie das, haben sie Angst vor dem Internet?

Nein, warum? Im Gegenteil, das Internet führt doch dazu, dass wir Ärzte immer wichtiger werden. Dieser Supermarkt der Ängste und Möglichkeiten verunsichert die meisten Menschen total. Und von uns Ärzten erwarten sie seriöse Bewertungen des Ganzen, klare Aussagen und auch Ansagen.

 

Was meinen Sie mit Ansagen?

Ich fordere die Patienten zur Mitarbeit auf und erwarte, dass sie dazu bereit sind. Viele Menschen sind heute überfordert mit den Entscheidungsfreiheiten, die sie haben. Und sie sind glücklich, wenn sie von ihrem Arzt klare Ansagen bekommen.

 

Zum Beispiel?

Ich arbeite sehr viel mit Patientenrezepten, die ich handschriftlich verfasse. Das ist ganz wichtig, weil die Rezepte dadurch eine viel höhere Verbindlichkeit bekommen. Als erstes steht dort fast immer: Dr. Wald.

 

Jetzt sind wir gespannt.

Ganz einfach. Die Patienten sollen sich bewegen, spazieren gehen und das am besten im Wald. Dort ist die Luft am besten. Was man von vielen Fitness-Studios nicht behaupten kann. Ein alter Kollege hat das mal ziemlich drastisch formuliert: „Wenn du die übersäuerte verschwitzte Luft in einem Fitness-Studio einatmest, kannt du auch gleich den Urin der anderen trinken.“

 

Lassen Sie uns zu jungen Kollegen kommen: Würden Sie einem jungen Arzt empfehlen, sich als Allgemeinmediziner niederzulassen?

Ja, unbedingt! Die Allgemeinmedizin bietet einen riesigen Spielraum, seinen eigenen Weg zu finden und diesen mit Leidenschaft zu erfüllen. Eine weitere Empfehlung wäre, sich nicht in einer Einzelpraxis niederzulassen. Im Team macht es mehr Freude, bringt mehr Freiheit und erhöht die Qualität der Arbeit. Wenn Patienten z.B. mit einer Diagnose oder Therapie meiner Tochter nicht ganz zufrieden sind, kommen Sie wegen einer Zweitmeinung zu mir. Und umgekehrt auch. Das ist ein toller Service für die Patienten, dass sie die Zweitmeinung im Haus abrufen können.

 

Und wie sehen Sie die Niederlassung unter ökonomischen Aspekten?

Niedergelassener Arzt ist ein sicherer Beruf. Wir haben die KV, die hinter uns steht und unsere Interessen vertritt. Wenn man fleißig ist, kann man ein angemessenes Honorar erwirtschaften. Ich würde jungen Ärzten zusätzlich empfehlen, ein Auge auf einen soliden Anteil Privatleistungen zu legen. Das erhöht den finanziellen Spielraum der Praxis für Investitionen, Fortbildungen usw. und kommt deshalb allen Patienten zugute.

 

Zum Thema Igel-Leistungen könnte man auch anderer Ansicht sein.

Ja, gerne. Ich habe folgende Meinung: Ich halte es nicht für richtig, wenn man einem Kassenpatienten Privatleistungen vorenthält. Wir kümmern uns sehr intensiv um solche Leistungen, die aus unserer Sicht und Erfahrung für die Menschen Sinn machen. Wichtig ist nur: keine Angst machen, nichts aufschwatzen und fair bleiben.

 

Vielen Dank, Frau Dr. Rinneberg, für Ihre Zeit und Ihre Antworten. Gibt es einen für Sie wichtigen Aspekt, den wir noch nicht angesprochen haben?

Ja, ich finde es wichtig, dass man als Arzt für bestimmte Werte steht. Die Menschen suchen häufig mehr als die Verordnung eines Arzneimittels. Meine Tochter Sylvia und ich praktizieren unseren Beruf aus christlicher Perspektive. Ohne Nächstenliebe geht vieles nicht. Und ich sage meinen Patienten oft, dass ich ihre Gesundheit auch dem allmächtigen Gott anvertraue. Deshalb findet sich auf meinen Privatrezepten auch immer der Zusatz „CD“. Das bedeutet „cum Deo“.

 

Das Interview führte Dr. Gundolf Meyer-Hentschel, Berater der KV Saarland

 

 

 

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